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21.03.2002 | Berliner Zeitung

Neue Sicherheitstechnik revolutioniert den europäischen Bahnverkehr

BERLIN - Im grenzüberschreitenden Verkehr werden demnächst neue Zeiten anbrechen. Die Grenzaufenthalte wegen umständlichen Lockwechsels können bald entfallen. Die Züge mit einer deutschen Lok werden beispielsweise in Italien fahren können. Statt auf dem Brenner eine halbe Stunde Aufenthalt, was den dortigen Kioskbetreiber erfreut hat, wird der Zug ohne Aufenthalt durchfahren.

Bislang war dies nicht möglich, weil die Sicherheitssysteme in den beiden Länder nicht kompatibel sind. Die deutsche Lok konnte nicht mit den italienischen Stellwerken kommunizieren. In ganz Europa gibt es bislang 14 verschiedene Sicherheits- und Kommunikationssysteme bei den nationalen Bahnen. Dieser Aufwand soll wegen des zunehmenden Verkehrs abgeschafft werden.

Die europäischen Bahngesellschaften habe sich auf ein ehrgeiziges Vorhaben geeinigt. Schon bis 2010 wollen sie ein einheitliches System entwickeln und einführen, das "European Train Controll System (ETCS)". Zunächst sollen die Hochgeschwindigkeitszüge, das sind die, die schneller als 160 km/h fahren können, mit den ETCS ausgerüstet und ohne Halt die Grenzen passieren.

Für diese Züge wird es keine Stellwerke im klassischen Sinne mehr geben. Statt dessen werden "Radio Block Center" eingerichtet, die eine ständige automatische Kommunikation mit dem Zug führen und die Kontrolle übernehmen. Bei der Deutschen Bahn ist bereits das digitale Mobilfunksystem GSM-Rail im Aufbau, bis 2004 sollen schon 24 000 Kilometer Strecke - von 38 000 - damit ausgestattet sein.

Technischer Kern sind sog. Balisen, die im Kilometerabstand auf den Schwellen angebracht werden. Die kleinen Plastikkästchen enthalten elektronische Geräte mit Daten, die von einem Lesegerät unter dem Zug erfasst werden. So kann der Zug gebremst, angehalten oder beschleunigt werden. Der Lokführer muss den Vorgang "nur" noch überwachen. Das neue System verändert die Zugführung vollständig. Mehr Züge können in kürzeren Abständen über die Gleise geschickt werden. Bislang ist jede Strecke in unterschiedlich lange Blöcke eingeteilt, in denen sich immer nur ein Zug aufhalten darf. Künftig können die Züge fast auf Sichtweite hintereinander herfahren, da jede Veränderung an den nachfolgenden mitgeteilt wird und dort Reaktionen automatisch auslöst.

Die alten Lichtsignale werden somit langfristig ersetzt. Die vielen Kabel und die störanfälligen Schaltungen werden überflüssig, meinte die Bahnsprecherin Christine Geißler-Schildt. Die neuen Milliardenkosten für das System werden sich bald bezahlt machen.

Alle Experten sind von den Vorteilen des neuen ETCS-Systems begeistert, sie sehen die großen Vorteile für den Bahnverkehr, der auch den Güterverkehr revolutionieren wird. Der auf diese Weise beschleunigte Güterverkehr kann verlorenen Anteil von der Straße zurückholen, meinte Frank Templin, der sich mit der Bahnbetriebstechnik beschäftigt.

Das erste "Radio Block Center" in Deutschland wurde in Sachsen-Anhalt, in Bitterfeld, in Betrieb genommen. Von dort werden Untersuchungen mit einem speziellen Messwagen, den "Train Controll Testcar" durchgeführt.

Es gibt bis zur Einführung des Systems noch eine kleine Frist für alle, die bislang von den Grenzaufenthalten profitiert haben.

Quellenangaben

Quelle: Berliner Zeitung, 21.03.2002, Seite: 19, Autor: Florian Neumann
Schlagwörter: Verkehr, Verkehrsmittel, Eisenbahn, Deutsche Bahn AG, Fernverkehr, Personenverkehr, Güterverkehr, Sicherheit, Signale, Funktechnik, Messtechnik, Technik, Stellwerk, Deutschland, Italien, Europa, Verkehrswerkstatt
Aktualisiert am: 02.01.2006
Erstellt von: C. Duismann 2002
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