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24.05.2002 | VDI nachrichten

In Berlin wird für die Bahn alles möglich

Lehrter Bahnhof kurz vor der kritischen Phase

BERLIN - Im Juni und Juli gibt es eine heiße Phase im Bahnverkehr Berlins. Zunächst wird die Fernbahn vom alten Lehrter Stadtbahnhof auf die Gleise des neuen Bahnhofs geleitet, danach die S-Bahn. Für jeweils einige Tage müssen die Berliner und ihre Gäste auf Busse umsteigen oder umständliche Umwege über Berlin-Lichtenberg in Kauf nahmen.

Noch ist der neue Bahnhof "Berlin Lehrter Bahnhof" eine riesige Baustelle. Überall wird rund um die Uhr gearbeitet. Bagger dröhnen, Pressluft zischt und es wird an vielen Stellen gleichzeitig geschraubt, geschweißt und betoniert. Wenn der Bahnhof fertig wird, dies soll 2006 der Fall sein, werden dort täglich 500 Fern- und Regionalzüge und zusätzlich 800 S- und U-Bahnzüge den Bahnhof erreichen. Noch sind die unterirdischen Hallen, die später die Bahnsteige aufnehmen, leer und öde. Kaum vorstellbar, dass hier in Kürze das pralle Leben eines der größten Gleiskreuze entsteht.

In der kommenden Zeit werden als erste die Gleise der Fernbahn, dann der S-Bahn in West-Ostrichtung verlegt. Dann kann der alte Bahnhof abgerissen werden und die Neubauarbeiten beginnen. Hieran hängt der Fortschritt des unterirdischen Neubaus. Die Nord- und Südtunnel sind längst fertig, es ist nur noch das kurze Zwischenstück fertig zu stellen. Aber das hat es in sich, im wörtlichen Sinn.

Der alte 1882 aus gelben und roten Klinkern erbaute Lehrter Bahnhof ist eine Drehscheibe für den Verkehr. Alle Fern- und Regionalzüge quälen sich durch den engen Schlund des Bahnhofes, dazu noch 450 S-Bahnen am Tag. Hier treffen sich Studenten und Angestellte, die in die Stadt oder an die Universitäten wollen.

Bautechnisch schwierig ist der Anschluss der alten Bahngleise in Hochlage an die neue Betonbauweise. Es geht nicht einfach eine neue Weiche einzubauen und dann fahren die Züge auf der neuen Strecke, erklärte ein Verantwortlicher für die Umleitung. Zwischen dem 16. und dem 21. Juni wird der Fernverkehr, zwischen dem 21. Juni und dem 4. Juli der S-Bahnverkehr umgebaut. Dann beginnt sofort der Abriss und der Neubau.

Ursprünglich wollte sich die Bahn mehr Zeit lassen. Die Fertigstellung war für 2008 vorgesehen. Bahnchef Mehdorn hat jedoch die Bauzeit um zwei Jahre verkürzen lassen. Kurz vor seinem Dienstantritt war die Bauausführung schon ein Jahr hinter den Planungen. Da sprach Mehdorn ein Machtwort. Jetzt werden alle Arbeit vorgezogen, die sich vorziehen lassen.

So ist schon mit dem Ausbaggern der Baugrube begonnen worden, bevor der Abriss stattfindet. Gleichzeitig wird mit Hochdruck an der riesigen Dachschale des neuen Bahnhofs gearbeitet. Es handelt sich um eine komplizierte bogenförmige, ellipitische Stahlkonstruktion.

23 Binder tragen die gesamte Konstruktion. Sie sind mit Seilen verspannt. Mehr als 85 Kilometer Seile werden verbraucht. Die Haut wird von Glasscheiben gebildet. 8500 Scheiben mussten einzeln angefertigt werden, da alle verschiedene Krümmungen besitzen müssen. Für diese Konstruktion, die oben auf einer Brücke trohnt, die zum Teil über die Spree und einen alten Hafen reicht, mussten viele Berechnungen durchgeführt werden, für die es keine Vorbilder und Bestimmungen gab. Wärmeausdehnung, Wind- und Verkehrslasten mussten immer wieder neu berechnet und geprüft werden. Selbst in den 15 Meter tiefen U-Bahnhöfen wird man ein Stück des Himmels sehen können. Der ganze Bahnhof soll hell und licht gestaltet werden.

Stolz sind die Männer im Baubüro schon, aber zur Zeit hat keiner Zeit. Kein Kommentar, kein freundliches Wort für Besucher. Die Termine bis Mitte Juli lassen keine Ruhe bei der Bauleitung aufkommen.

Ein Makel bleibt aber, wer künftig an Berlins Hauptstadtbahnhof ankommt, muss umsteigen, um ins Stadtzentrum zu kommen. Fast so wie zu Zeiten der Kopfbahnhöfe, wo die Reisenden viel Zeit damit verbrachten, wenn sie von einem Bahnhof zur Weiterfahrt den anderen erreichen mussten. So wie heute noch in Paris, wo die superschnellen Züge aus Norden und Süden, Osten und Westen an verschiednen Kopfbahnhöfen ankommen und Reisende, die weiterfahren wollen, umständlich mit der Metro fahren müssen.

Quellenangaben

Quelle: VDI nachrichten, 24.05.2002, Seite: 3, Autor: Marcus Franken
Schlagwörter: Verkehr, Verkehrsmittel, Eisenbahn, S-Bahn, U-Bahn, Deutsche Bahn AG, Personenverkehr, Fernverkehr, Regionalverkehr, Stadtverkehr, Bahnhof, Kopfbahnhofe, Architektur, Gleise, Neubau, Ausbau, Lehrter Bahnhof, Technik, Baustoff, Beton, Stahl, Glas, Berlin, Deutschland, Verkehrswerkstatt
Aktualisiert am: 02.01.2006
Erstellt von: C. Duismann 2002
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