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03.11.1992 | Frankfurter Rundschau

Die deutliche Transrapid-Kritik wurde nicht gedruckt

Wie ein Beamter seine Argumente verschweigen musste

Professor Gerd Aberle, renommierter Verkehrswissenschaftler, ist empört: "Eigentlich wollte ich eine weiße Seite erscheinen lassen", sagt der Chefredakteur der Fachzeitschrift Internationales Verkehrswesen. Als Aberle nämlich eine kritische Stellungnahme zum Bau der Magnetbahn Transrapid in Deutschland bringen wollte, die ein hoher Mitarbeiter der Bahn geschrieben hatte, musste er den schon druckfertigen Beitrag wieder aus der Zeitschrift herausnehmen. Das sei einzigartig, sagte Aberle. Denn "normalerweise lasse ich mich nicht unter Druck setzen". Diesen Beitrag musste er stoppen, um dem Autor nicht zu schaden. Der Bahn-Vorstand in Frankfurt hat dem Ministerialrat die Veröffentlichung seines Artikels schlicht verboten. Um keinen Ärger zu machen, wurde der kritische Transrapid-Bericht dann "im letzten Moment" aus dem Heft gezogen. Damit so etwas sich nicht wiederholen kann, schrieb Aberle in das Editorial des September-Heftes: "Kritische Anmerkungen zu unterdrücken, ist stets die falsche Methode gewesen". Ein gewisser Trost mag darin liegen, dass der herausgeflogene Beitrag in der interessierten Fachwelt mittlerweile bekannt geworden ist. Deswegen soll wenigstens die Argumentation des Beamten bekannt gemacht werden. Schließlich ginge es beim Transrapid nicht um eine technische Spielerei, sondern um ein bisher mit 1,6 Milliarden Mark staatlich gefördertes Projekt. Die erste "Anwendungsstrecke" sei auch im neuen Bundesverkehrswegeplan festgeschrieben. Im Frühjahr soll der Bundestag ja nach Vorschlag von Verkehrsminister Günther Krause (CDU) beschließen, dass die beiden größten deutschen Städte - Berlin und Hamburg - mit einer rund zehn Milliarden teuren Schwebebahn verbunden werden. In seinem Beitrag kommt der Bahner aus der Bahn-Zentrale, der sich dort um den Verkehrswegeplan kümmert, zu einem ablehnenden Urteil. Der Einsatz "dieser neuen, sehr speziellen und für den klassischen Güterverkehr ungeeigneten Spurführungstechnik inmitten eines dichten und modernisierungsfähigen Eisenbahn-Netzes" sei "nicht zu empfehlen". Die Magnetschwebetechnik verfüge allenfalls "in Teilbereichen über Vorteile gegenüber der klassischen Eisenbahn, die jedoch durch eine Weiterentwicklung der Rad-Schiene-Technik relativiert werden", lautet das Fazit. Der Bahn-Experte vergleicht in seinem Aufsatz die Charakteristika des "alten" und des neuen Schienensystems: Schnelligkeit, Energie-Aufwand, Fahrweg, Lärm-Emission, Einsatzmöglichkeiten in Europa, Netzbildungsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit. Nach seiner Darstellung ergeben sich hierbei keine grundsätzlichen Vorteile des Transrapid-Systems. Die hohen Reisegeschwindigkeiten des Transrapid südlich von Lyon - 400 bis 500 Stundenkilometer - stellen nach Meinung des Eisenbahners keine herausragende Eigenschaft dar. Folgt man ihm, stecken in der "guten alten Bahn" noch enorme Entwicklungsmöglichkeiten. Neue Laufwerke - mit einzeln aufgehängten Radsätzen - machten es möglich, das heute schon hohe Tempo der Schnellzüge (Frankreichs TGV fährt 330 Stundenkilometer schnell, der ICE schafft 280) nochmals kräftig zu steigern. Es gebe "keine systembedingten Geschwindigkeitsgrenzen", heißt es in dem Artikel.

Quellenangaben

Quelle: Frankfurter Rundschau, Autor: Joachim Wille
Schlagwörter: Verkehr, Verkehrsmittel, Eisenbahn, Transrapid, Magnetschwebebahn, Technik, Vergleich, Schiene, Argumentation, Meinung, Einschätzung, Meinungsfreiheit, Presserecht, Öffentlichkeitsarbeit, Personenverkehr, Fernverkehr, Ökonomie, Kosten, Politik, Planung, Markt, Konkurrenz, Deutsche Bahn AG, Hamburg, Berlin, Deutschland, Verkehrswerkstatt
Aktualisiert am: 02.01.2006
Erstellt von: C. Duismann 2001
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