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04.05.1999 | Lübecker Nachrichten

Neues Konzept bei der Bahn soll Wiederholung des Eschede-Unglücks verhindern

FRANKFURT/MAIN – Knapp ein Jahr nach der schrecklichen Eisenbahn-Katastrophe zieht die Bahn Lehren aus dem Ereignis. Das Sicherheitskonzept wird grundlegend reformiert. So wird bei Neubaustrecken die Trassenführung verändert und an vorhandenen Strecken nachgebessert. Bei wichtigen Kontrollen wird das "Vier-Augen-Prinizip" vorgeschrieben.

Bahnchef Ludewig erläuterte Details des neuen Programms der Bahn AG zur Sicherheit. Die Planung von Strecken wird überprüft und geändert. Ein neues Wartungskonzept wird derzeit erarbeitet und soll zügig umgesetzt werden. Es orientiert sich an Verfahren bei der Wartung von Flugzeugen.

Den Opfern und Hinterbliebenen des Unglücks von Eschede hat die Bahn bislang nach Angaben Ludewigs 10 Millionen Mark gezahlt. Diese Summe wird jedoch noch erhöht. Noch seien nicht alle Unfallfolgen absehbar und bei manchen Opfern werde die Bahn auch jahrelang zahlen müssen. Der Ombudsmann, Otto Ernst Krany, der von der Bahn eingesetzt wurde, erläuterte die Zahlungen. Hinterbliebene hätten je Toten 30 000 Mark erhalten, üblich seien nur 10 000 Mark. Die Bahn bezifferte die materiellen Unfallfolgen mit 150 Millionen Mark, davon entfallen auf Umsatzverluste allein 100 Millionen.

Trotz des schweren Unfalls haben die Kunden das Vertauen in die Bahn wiedergewonnen, so Ludewig. Er verwies auf die gestiegene Zahl an Fahrgästen und Umsatz im ersten Quartal 1999. Energisch widersprach Ludewig einen Zusammenhang zwischen Personalabbau und Wartungsmängeln. Die Zahl der Unfälle sei entgegen Vermutungen eindeutig rückläufig.

Die Räder der ICE-Züge werden künftig wieder Vollscheiben sein. Die leiseren Gummireifen würden nicht mehr verwendet. Die Wartung und Überprüfung mit Ultraschall richtet sich in Zukunft nach der Kilometerleistung der Räder und nicht mehr nach bestimmten Zeitabläufen.

Bei Neubaustrecken sollen künftig, wenn irgend möglich, vor Brücken und Tunneln keine Weichen eingebaut werden. Diese Kombination hatte die Unfallfolgen in Eschede wesentlich verstärkt. Ein an einer Weiche entgleister Wagen hatte die Brücke zum Einsturz gebracht.

Zum Hergang des Unfalls und der Verantwortung der Bahn wollte sich der Bahnchef nicht äußern. Er verwies auf die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft.

Der vermutliche Ablauf des Unglücks: Der Radreifen an der 3. Achse des 1. Waggons bricht. Der Radreifen löste sich von der Radscheibe, biegt sich auf und verkeilt sich im Drehgestell. Der Zug fährt weiter bis zur Weiche. Der Radreifen verhakt sich im Radlenker der Weiche, das Rad wird nach rechts abgelenkt, Radscheibe und linkes Rad der Achse entgleisen. Das entgleiste Rad trifft nach 120 Metern auf die zweite Weiche. Die Weiche stellt sich durch den Aufprall um. Die Folgewagen entgleisen alle. Waggons stellen sich quer und prallen vor den Brückenpfeiler und bringen die Brücke zum Einsturz.

Quellenangaben

Quelle: Lübecker Nachrichten, 04.05.1999, Seite: 12, Autor: dpa
Schlagwörter: Verkehr, Verkehrsmittel, Eisenbahn, Deutsche Bahn AG, Personenverkehr, Fernverkehr, ICE, Unfall, Unglück, Katastrophe, Unfallfolgen, Unfallursache, Personenschaden, Tote, Verletzte, Technik, Gleisbau, Weiche, Brücke, Sicherheit, Wartung, Eschede, Niedersachsen, Deutschland, Verkehrswerkstatt
Aktualisiert am: 02.01.2006
Erstellt von: C. Duismann 2001
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