Kinder machen Kunst mit Medien
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geraubt - gedopt - gestorben
von Stephan Samuel
EIN ARBEITSZIMMER INNEN, NACHT
Der Filmemacher sitzt auf dem Boden umgeben von einem Haufen Papier.
Er liest die Geschichten der Kinder. Es macht ihm grossen Spass. Jede Geschichte verwandelt sich in seinem Kopf in einen tollen Film. Er sieht Krimis mit viel Action. Mit Koffern voller Drogen und Geld. Sportfilme und Fantasyfilme mit zaubernden Koffern, sprechenden Koffern, Koffern mit geheimnisvollem Inhalt. Die Geschichten sind schön und anschaulich und lebendig.

(Eine Übung.)
Hier sind sieben zufällig ausgewählte Mini - Ausschnitte aus den Koffer - Geschichten. Imaginieren Sie zu jedem Text einen etwa einminütigen Film.
Schreiben sie dann auf, was Sie alles brauchen um diesen Film zu realisieren.:

Eines Abends wollten die Eltern ausgehen und verabschiedeten sich noch schnell von ihrem Kind.
„Tschüss mein Kind“, sagte die Mutter und der Vater sprach: „Vergiss nicht, du darfst nicht auf den Dachboden gehen.“ „Ja, ja, tschüss Mama, tschüss Papa“, verabschiedete sich das Kind und da waren sie auch schon weg. FEE

Jan saß an einem halb vermoderten Tisch mit seinen Komplizen. Er erinnerte sich genau. Es war am 23. März 1982. Er hatte damals eine Bank überfallen. Und da er in der Eile nicht wusste, wohin mit seiner Beute, vergrub er sie samt Koffer. PHILIP

Juhu, denkt Luci, dann kann ich den sprechenden Koffer in der Zeit, wo Mama weg ist in mein Zimmer bringen. Sie will ihn gerade die Treppe hinunterziehen, da sagt der Koffer: „Aua, du tust mir weh, sei nicht so grob zu mir.“ „Okay, okay“, sagt Luci und trägt ihn ganz sanft in ihr Zimmer. JENNIVER, SHANICE

Irakkrieg 2004. Ein GSG9-Beamter wurde in den Krieg geschickt. Er wurde verletzt liegen gelassen.
Er wurde von einem Iraker aufgenommen und geheilt. Er blieb solange bei ihm, bis er eines Tages einen Zettel entdeckte, wo draufstand: „Friedensfeier in Beverly Hills – Datum: Freitag 13.8.08“ WOJ

Der Auftraggeber stahl auf diese Weise noch mehr Flugmaschinen. Er ließ sie alle umspritzen und brachte somit eine neue Fluggesellschaft in das Fluggeschäft JACOB

Sie fiel in den Koffer und landete am Meer. Sie merkte, dass sie wieder durch den Koffer zurück konnte. Aber sie spielte noch am Strand. Dann ging sie wieder nach Hause JULIA

Es knallt so laut, dass sogar die Fenster klirren und zerbrechen. Schnell holen die drei Ganoven das Geld aus dem Transporter, packen es in den Koffer und hauen ab. PATRICK

Stoffentwicklung, die zweite

Bei unserem ersten Produktionstreffen mit allen Beteiligten in der Schule, wählen wir die drei Geschichten aus, die wir verfilmen wollen:
Die Kinder, die möchten, stellen die Geschichte vor, die ihnen am besten gefallen hat. An der Tafel sammeln wir Kurzbeschreibungen der Geschichten. Wir sortieren sie nach den Genres: Sportfilm, Krimi, Fantasy.
Es wird dann abgestimmt welche Geschichten verfilmt werden.
Unsere Idee, die Filme miteinander durch den immer gleichen Koffer in einer anderen "Rolle" zu verbinden, stösst auf Verständnisschwierigkeiten und wenig Begeisterung.

"Das ist doch unlogisch, wenn der Koffer plötzlich einen anderen Inhalt hat".

Am Beispiel eines Camping-Mobils, dass jeweils an einer Schnittstelle den Besitzer wechselt, veranschaulichen wir unsere Idee. Wir bilden Gruppen, die versuchen, entsprechende Übergänge zwischen den ausgewählten Koffergeschichten zu konstruieren. Die manipulativen Möglichkeiten des Filmemachens sind für die Kinder in dieser frühen Phase nicht wirklich erfassbar.

Das es zum Beispiel möglich ist, einen Koffer aus dem Kinderzimmerfenster zu werfen, und ihn dann aber in der nächsten Einstellung auf dem Bahnhof landen zu lassen, oder dass der Koffer am Ende vom ersten Film mit Beutegeld gefüllt ist, in der nächsten Szene aber mit Dopingmitteln, sind Konstruktionen, die aus den Gehirnen der versponnener Erwachsenen stammen und bei den Kindern - zumindest in dieser theoretischen Form ein gewisses Unverständnis hervorrufen. Obwohl sie dieses Prinzip schon hunderte von Malen in Filmen gesehen haben. Ihre Vorstellungskraft bewegt sich in geschlossenen Geschichten, diese komische Verbinderei
ist in ihren Augen "unser Problem".

In drei Gruppen aufgeteilt, beginnen die Kinder aus jeweils einer der Geschichten eine Gebrauchsanweisung für die Herstellung eines Filmes zu machen. Die Geschichte wird in Szenen aufgeteilt, diese wiederum in Einstellungen. Es wird eine Skizze angefertigt die den Bildinhalt aus der Perspektive der Kamera darstellen soll (Storyboard). Handlungsabläufe und Dialoge werden geschrieben.
Es wird notiert, was für Requisiten gebraucht werden und was für Töne es in dieser Szene gibt.

Dazu gibt es ein vom Lehrer vorbereitetes Formblatt.

Der Filmemacher wandert von Gruppe zu Gruppe und grübelt mit darüber nach, wie man zum Beispiel aus dem Eingangsbereich der Schule den Flughafen vom Miami machen kann.

( "ein Schild anbringen wo drauf steht "Flughafen Miami"
"weiss jemand, was Flughafen auf englisch heisst"?
"Genau... so englische Ansagen dann, next flight to berlin oder so"
"und vielleicht Palmen?"
"die Szene können wir dann aber nicht in der Pause drehen, da rennen zu viele Kinder hier rum" )

An der Schule sind übrigens viele schwerhörige Kinder, die mit dem Taxi zur Schule kommen. Und so kurz vor acht gibt’s da ein Taxiaufkommen wie am Flughafen Tegel.

Während dieser Gruppensitzung ordnet der Filmemacher die Kinder heimlich in Schubladen ein:
Wer ist telegen? wer ist extrovertiert ? wer kann sich gut ausdrücken ? Wer ist freundlich ? Wer bewegt sich langsam, hat aber Präsenz? Wer ist fürsorglich und liebevoll ? wer versteht sich selbst beim Lesen? wer schaut einem in die Augen? wer grüsst zuerst? wer kann tanzen, singen, einen bestimmten Sport ? Wer nimmt von sich aus Kontakt auf? Wer signalisiert, dass er gerne Kontakt möchte? Wer ist aufmerksam ? Wer hat für das Projekt nützliche Erfahrungen? Wer ist kriecherisch? Wer reagiert auf eine freundliche Bitte? Wer hat ein Geheimnis? Wer hat einen eigenen Humor? Wer hat Erfahrungen, die man in der 6. Klasse normalerweise nicht hat? Wer ist irgendwie allein ? Wer kann über sich selbst lachen? Wer mag sich selbst ?

Ein Junge empfiehlt sich gleich beim ersten Termin als den richtigen Mann für eine Hauptrolle, weil er schon mal an einem richtigen Theater gespielt hat. Wir werden auf ihn zurückkommen.

In den nächsten zwei Wochen werden die Drehbuchautorenteams im Deutschunterricht und in Freiarbeit die Drehbücher fertig stellen.

Notiz: Am Rande des Projektes betteln die Kinder auffällig oft die LehrerInnen um Freiarbeit an. Projektidee: Kinder - Interviews zum Thema: "Wie frei macht Freiarbeit und wovon eigentlich?"

 
schwerhörigentest - raum foto: m.thimm
Die Stimmung bei den Drehbuchautoren ist etwas gereizt.
Das Ganze artet also doch mal wieder in Arbeit aus.
Zum einen wird Ihnen beim Transfer der Geschichten in das Drehbuchformblatt deutlich vor Augen geführt, dass die eine oder andere grossartige Idee wohl doch nicht realisierbar ist, mit unseren Mitteln, bzw. mit unseren Mitteln dann irgendwie doof aussieht.
Genauer betrachtet, sieht das Ganze auch verdammt nach Arbeitsbogen aus.
Und sie stossen an ihre Grenzen, was die Gestaltung von konzeptionellen, logistischen, organisatorischen, dramaturgischen Strukturen angeht.
Und wer stösst schon gern an Grenzen?

Vielleicht hätten wir als Einstieg in das Filmprojekt einen existierenden Film analysieren, in seine Einzelteile zerlegen sollen, um ein Gefühl dafür zu bekommen was für Arbeit auf uns zukommt?

Und vielleicht hätten wir früher klar machen sollen, dass wir nicht 3 abendfüllende Spielfilme produzieren müssen, sondern alle drei Filme zusammen etwa 20 Minuten lang werden sollen?

"Das ist doch kein Weltuntergang"

Verzweifelt blickt sich der Filmemacher im Klassenraum um. Er weiss auch nicht, wie man jetzt mal schnell einen Weltuntergang filmt. Den Autorinnen schwebt als Lösung vor, "einfach gute Szenen aus THE DAY AFTER TOMORROW bei uns reinzuschneiden " den sie interessanterweise schon auf Video-CD haben, und morgen mal mitbringen werden.
Während der Filmemacher etwas von Diebstahl erzählt und das so was nicht geht, Szenen aus anderen Filmen einfach zu klauen, fällt sein Blick auf einen verstaubten Globus oben auf dem Schrank. " Guckt mal da oben! Der Globus! Den übergiessen wir einfach mit Benzin und zünden ihn an, und filmen das. Fertig ist der Weltuntergang!"
Erst waren die Mädchen etwas enttäuscht, das Finale ihres Films auf so billige Weise abgedreht zu sehen, aber dann erwärmten sie sich für die Idee. Es ging dann zwar nicht mit dem erwähnten Globus, weil der Frau X. gehöre und einen Ständer aus Tropenholz hat, aber grundsätzlich war das Problem gelöst.

Jedenfalls waren drei Tage vor Drehbeginn drei endlose jeweils 30 Seiten lange Drehbücher fertig. Umständlich, ohne klare Exposition der Figuren, ohne plausible Handlungsverläufe ohne klar umrissene Konflikte, ohne Wendungen, spannungslos, ohne überraschende Schlüsse. ohne pointierte Dialoge...
...also fast so schlecht wie professionelle Drehbücher.

Ich meine, man teilt ja auch nicht am Montagmorgen Notenpapier in einer sechsten Klasse aus, und will am Freitagmittag ein Sinfoniekonzert hören!

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